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«Die drei Säulen sind nicht automatisch gesichert»

Das Drei Säulen System der Altersvorsorge hat eine grosse Bedeutung für unser finanzielles Wohlergehen nach der Pensionierung. Donald Desax – frisch in den Ruhestand getreten – hat sich mit 30 Jahren auch lieber anderen Themen gewidmet (wie er selbst zugibt). Der ehemalige Leiter der Beruflichen Vorsorge bei Helvetia betont aber, wie wichtig es ist, sich bereits in jungen Jahren mit der Altersvorsorge auseinanderzusetzen, und ruft dazu auf, sich für ein nachhaltiges System zu engagieren.

16. Juli 2020, Text: Mirjam Arnold, Foto: Donald Desax

Donald Desax in der Natur
«Ich möchte den dritten Lebensabschnitt sehr bewusst angehen, gerne auch vieles offen gestalten und Dinge mal geschehen lassen.»

Donald Desax leitete bis Ende Juni 2020 den Bereich Berufliche Vorsorge bei Helvetia. Kurz vor seiner Pensionierung erschien die Studie «Wie teuer ist das Leben, wenn immer Wochenende ist?», deren Umfrageergebnisse die Vorstellungen vom Leben in Rente widerspiegeln. Im Gespräch mit Donald Desax beleuchten wir die Studienergebnisse und seinen Schritt in den dritten Lebensabschnitt.

Gemäss Bundesamt für Statistik geht in der Schweiz jeder dritte Erwerbstätige vor dem offiziellen Rentenalter in den Ruhestand. Herr Desax, war eine Frühpension für Sie schon seit längerem eine Option?

Als ich 30 Jahre alt war, hatte ich die Vorstellung mit 55 Jahren in Rente zu gehen und irgendetwas ganz anderes zu machen – sei es ein Buch zu schreiben, einen eigenen Bauernhof zu betreiben oder ausgedehnte Reisen zu unternehmen. Über die finanziellen Konsequenzen habe ich mir damals ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Aber ich habe trotzdem bereits in jungen Jahren mit dem Aufbau einer dritten Säule begonnen.

Mit Fünfzig habe ich die finanziellen Weichen gestellt, damit eine vorzeitige Pensionierung überhaupt möglich werden konnte. In den letzten Jahren ging es mir vor allem darum, eine reibungslose Übergabe an meine Nachfolge vorzubereiten, nachzudenken wie ich die Organisation übergeben möchte und wie ich meine Mitarbeitenden darauf vorbereiten kann. Sich rechtzeitig Gedanken für die Zeit des beruflichen Rücktritts zu machen, gehört für mich zur Führung und gelebtem Leadership zwingend dazu.

Mit der Idee, Mitte der Fünfziger in Pension zu gehen, sind Sie nicht allein. Die Ergebnisse der Helvetia-Studie haben gezeigt, dass 12% der befragten Männer sich pensionieren lassen möchten, bevor sie 55 Jahre alt werden. Die Auswertung zeigt: Je jünger die Teilnehmenden, desto jünger möchten sie in Pension gehen. Wo müssen junge Leute besonders aufpassen, wenn sie langfristig solche Pläne verfolgen?

Ich stelle schmunzelnd fest, dass ich mit 30 Jahren auch das Alter 55 im Fokus hatte. Ich finde es super, wenn junge Menschen Träume für ihr Alter haben. Diese Zukunftsträume sind ein wichtiger Motor und Energiespender für die jeweilige Gegenwart. Gleichzeitig verstehe ich, dass Fragen zur Altersvorsorge noch sehr weit weg sind. Mit Dreissig beschäftigen einen definitiv andere Themen, zum Beispiel Beruf oder Familie.

Was ich mir aber wünschen würde ist, dass sich gerade auch Menschen in jungen Jahren bewusst werden, dass die drei Säulen der Altersvorsorge nicht automatisch gesichert sind. In der ersten und zweiten Säule wird es unweigerlich zu Reformen kommen müssen. Entweder sind wir bereit länger zu arbeiten, wir bezahlen höhere Beiträge oder wir müssen Leistungskürzungen akzeptieren. Allfällige Pensionslöcher sollte man mit der individuellen Vorsorge in der dritten Säule kompensieren, weshalb ich rate, früh mit deren Aufbau zu beginnen. Und allerspätestens mit 50 Jahren muss man sich schliesslich mit der konkreten Finanzierung des Lebens im Rentenalter befassen, Lücken erkennen und schliessen. Denn mit 60 Jahren ist es dafür definitiv zu spät.

Sie sprechen von Leistungskürzungen und tönen die Krise der Altersvorsorge an. Welche Faktoren gefährden unser aktuelles Vorsorgesystem und mit welchen Auswirkungen müssen wir Ihrer Meinung nach rechnen?

Die demografische Verwerfung zeigt sich auf drei Ebenen:

  1. Die «Alten» ab 65 leben immer länger und dies bei besserer Gesundheit, was natürlich sehr erfreulich ist.
  2. In den nächsten Jahren gehen alle sogenannten «Babyboomer» (geburtenstarke Jahrgänge bis 1964) in Rente. Sie werden somit Leistungsbezüger und fallen als Beitragszahler weg.
  3. Im Inland wurden und werden viel zu wenig Kinder als künftige Erwerbstätige geboren. Das bedeutet, dass immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Heute stehen hinter den Leistungen eines Rentners bereits drei Erwerbstätige!

Diese zunehmend dramatisch werdende Schieflage wird dazu führen, dass die AHV und die zweite Säule dringend saniert werden müssen. Ich denke, das Rentenalter muss künftig erhöht werden, auch wenn das in der Bevölkerung zurzeit nicht mehrheitsfähig ist. Dabei kann ich mir gut vorstellen, dass sich flexible Modelle weiter ausprägen werden.  Vielleicht wird es möglich, dass man zwar bis ins Alter von 70 arbeitet, dann aber zum Beispiel ab 60 teilzeitbeschäftigt ist.  

Ich habe auch meine Kinder immer darauf aufmerksam gemacht, dass die Altersvorsorge in einer Krise steckt und nicht nachhaltig finanziert ist. Ich habe sie ermuntert, in den Volksabstimmungen ihre Rechte als junge Menschen aktiv wahrzunehmen und die Politik unter Handlungsdruck zu setzen, den Generationenvertrag auch aus der Sicht der jungen Menschen zu interpretieren. Ich halte nichts von der Aussage von einzelnen jungen Menschen, dass sie im Alter ohnehin nichts mehr aus der Altersvorsorge bekommen werden. Das wäre eine fatalistische Sicht auf die Dinge, die jegliche Reform als unnötig, weil wirkungslos, erscheinen liesse. Nein, es gibt auch in 35 Jahren noch Rentenleistungen aus den drei Säulen, aber wir müssen bereits heute die nachhaltige Finanzierung und Sicherung der Altersvorsorge angehen. Dazu sollte der Gesetzgeber vor allem in der zweiten Säule eine radikale Entschlackung und Vereinfachung vornehmen, die Pensionskassen sollten wieder freiheitlicher und einfacher agieren können. Technische und ökonomische Parameter wie etwa der Umwandlungssatz oder der BVG-Verzinsungssatz gehören nicht ins Gesetz oder eine Verordnung, sondern sollten durch den jeweiligen Stiftungsrat festgesetzt werden können. Und die politische Polarisierung und Bewirtschaftung der Systemkrise in der Altersvorsorge sollte unbedingt rasch pragmatischen Lösungen weichen. Hier muss die Politik ihre Parteibücher weglegen und parteiübergreifend dringend Lösungen anbieten. Es gibt Wege, aber (noch) fehlt der Mut zu einer konsequenten Reform.

Unsicherheit bezüglich Altersvorsorge und deren Planung ist nicht nur bei Jüngeren verbreitet: Wenn es um die Vorsorge des dritten Lebensabschnittes geht, fühlen sich laut der Studie von Helvetia fast 30% der Befragten überfordert. Was glauben Sie, woher diese Unsicherheiten kommen? Wieso ist Vorsorge für so viele ein nur schwer verständliches Thema?

Das Zusammenspiel der drei Säulen und deren Ausgestaltung ist naturgemäss komplex, denn es wurde bewusst eine Mischung aus Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren gewählt, was schon alleine schwer zu verstehen ist. Es müssen Finanzierungsannahmen über viele Jahrzehnte getroffen werden und es spielen Komponenten der Demografie, vor allem der künftigen Bevölkerungsentwicklung, hinein. Wichtig sind auch volkswirtschaftliche Entwicklungen und die Möglichkeiten von Kapitalanlagen und deren längerfristigen Renditen. Es sind hochkomplexe Fragestellungen, die das System lösen muss. Da kann man keine einfachen Lösungen anbieten.

Eine Kernerkenntnis der Studie ist die vorhandene Schere zwischen den finanziellen Erwartungen und Realitäten nach der Pensionierung. Die Teilnehmenden rechnen durchschnittlich mit 63.5% ihres heutigen Einkommens für den dritten Lebensabschnitt. Dies liegt leicht über den Leistungen aus der ersten und zweiten Säule, die laut Bundesamt für Sozialversicherungen rund 60% des letzten Einkommens decken. Der Vergleich mit den geschätzten Ausgaben nach der Pensionierung zeigt aber oftmals eine grosse Lücke.

Das ist absolut korrekt und dies lässt befürchten, dass viele künftige Pensionäre eine grosse Frustration erleben werden, wenn sie nicht zusätzliche Ersparnisse aufbaut haben. Denn nur mit der AHV und der beruflichen Vorsorge lassen sich die vielen Träume im Alter nicht realisieren. Das ist ehrlich gesagt auch nicht die Aufgabe der ersten und zweiten Säule. Sie sollen zusammen die Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung in angemessener Weise sichern. Für die zusätzlichen Träume muss die individuelle Vorsorge einspringen.

Altersvorsorge in der Schweiz

Die Altersvorsorge in der Schweiz ist seit der Volksabstimmung 1972 als Drei Säulen Konzept konstruiert: In der ersten Säule erfolgt die Existenzsicherung in einem Umlageverfahren. Das bedeutet, dass die Beiträge der Bevölkerung direkt die Renten finanzieren. In der zweiten Säule erfolgt die Sicherstellung der Fortführung der gewohnten Lebenshaltung in einem Kapitaldeckungsverfahren. Das heisst, jede und jeder spart sich zusammen mit dem Arbeitgeber seine Pensionskassen-Rente selbst an. In der dritten Säule deckt man seinen individuellen Zusatzbedarf ab, um sich Träume im Alter verwirklichen zu können.

In der Schweiz gelten die Produkte der Säule 3a und 3b als die privaten Vorsorgeprodukte schlechthin. Ergänzend zur AHV und Pensionskasse bietet die freiwillige private Vorsorge eine steuerlich attraktive Möglichkeit, um finanzielle Lücken im Alter zu schliessen. Doch junge Erwachsene unter 25 Jahren sowie Erwerbstätige mit einem Monatseinkommen von weniger als CHF 6’000 ziehen das Sparkonto den Produkten der dritten Säule vor. 85% der Befragten besitzen ein Sparkonto, 60% nutzen es zur finanziellen Vorsorge. Woran liegt dies Ihrer Meinung? Und was für Auswirkungen zieht dieser Trend mit sich?

Junge Erwachsene unter 25 Jahren müssen sich beruflich zuerst etablieren, wollen die jungen Jahre intensiv ausleben und beginnen möglicherweise an eine Familie zu denken. Da steht der Aufbau einer dritten Säule kaum im Mittelpunkt. Das Geld auf einem Sparkonto kann ja auch einfacher für Konsum, Ferien oder eine Anschaffung eingesetzt werden. Dies zählt wohl auch für Erwerbstätige mit einem Monatseinkommen von deutlich unter CHF 6'000. Im Vordergrund steht dann eher die Finanzierung der Familie, der Wohnung oder die Ausbildung der Kinder. Dennoch ist es sehr ratsam, dass auch diese Gruppe in die steuerbegünstigte dritte Säule einzahlt, denn für den Aufbau einer individuellen Vorsorge sollte immer etwas Geld abzweigbar sein. Ein Sparkonto hat zudem keinerlei steuerlichen Vorteile und momentan auch keinen nennenswerten Zins. Somit taugt das Konto sicher nicht für die langfristige individuelle Vorsorge.

Ein letztes Ergebnis aus der Studie: Rund ein Viertel der Befragten erhofft sich durch die Pensionierung mehr Zeit für Ruhe und Erholung. Wie sehen Ihre Pläne nun für die kommende Zeit aus?

Vorab sei erwähnt, dass ich unter keinen Umständen die typische Pensioniertenkrankheit der notorischen Zeitknappheit erleiden will. Ich möchte den dritten Lebensabschnitt sehr bewusst angehen, gerne auch vieles offen gestalten und Dinge mal geschehen lassen. Ich habe ein kleines Beratungsunternehmen gegründet, um mein vertieftes Fachwissen und die langjährige Erfahrung im Bereich der Altersvorsorge mit verschiedenen Beteiligten teilen zu können. Reiseprojekte sind ebenfalls vorgesehen. Daneben werde ich viel lesen und möglicherweise den Computer anwerfen, um einen eigenen Blog zu starten oder ein Buch zu schreiben – es gibt da definitiv genug spannende Geschichten in meinem Kopf. Ausserdem freue ich mich, mehr Zeit für meine liebe Frau, die Familie und meine Freunde einsetzen zu können!

Vielen Dank für die offenen und ehrlichen Antworten. Wir wünschen alles Gute für den nächsten Lebensabschnitt und drücken die Daumen für die anstehenden Projekte. 

Hedwig Ulmer

Hedwig Ulmer

Per 01.07.2020 übernahm Hedwig Ulmer die Leitung des Bereichs Berufliche Vorsorge bei Helvetia.

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