Manuel A.* ist ein aufgestellter und interessierter junger Mann. Er arbeitet seit dem Lehrabschluss zum Anlage- und Apparatebauer vor vier Jahren bei einer Metallbaufirma. Die Firma stellt Metallelemente für die Industrie und Privatkunden her. «Wir haben Manuel schon in der Lehrzeit als sehr zuverlässig und speditiv erlebt und für uns war schnell klar, dass wir ihm ein Angebot für ein dauerhaftes Anstellungsverhältnis machen wollen», erzählt Manuels Vorgesetzter und Firmeninhaber Daniel M.*.
Kurz nach Antritt der Festanstellung kam es bei Manuel zu Symptomen, welche er zu Beginn als vorübergehendes Phänomen wahrnahm: Kopfschmerzen und ein plötzliches Erstarren einzelner Körperteile – meistens der Arme – die sich dann wie «eingefroren» anfühlten. Gleichzeitig kam es dabei zu wiederholten Kurzzeitabsenzen. Doch Manuel schenkte den Symptomen wenig Aufmerksamkeit. Er pausierte einfach, wenn es nicht mehr ging und sobald sich die Symptomatik reduzierte, machte er dort weiter, wo er aufgehört hatte.
Leider traten diese Symptome nicht nur vorübergehend auf, sondern wurden gar ausgeprägter und zeigten sich immer öfter. Manuel suchte Rat bei seinem Hausarzt. Für diesen war sofort klar: Hier musste eine vertiefte Abklärung durchgeführt werden. Der Hausarzt vermutete rheumatologische, orthopädische oder neurologische Gründe als Ursache für die Symptomatik. Manuel wurde an das Universitätsspital Basel verwiesen. Dort wurden verschiedene Diagnose- und Abklärungsgespräche mit entsprechenden Untersuchungen geführt. Vorerst blieb jedoch unklar, was genau die Symptomatik auslöste.
Keine einfache Situation für einen jungen Mann zu Beginn seines Berufslebens. Wohin würde das führen? «Wenn ich damals nicht die grosse Unterstützung meiner Familie gehabt hätte, welche mir immer wieder Mut zugesprochen hat, wüsste ich nicht, wie ich diesen Marathon an ergebnislosen Untersuchungen überstanden hätte», erzählt Manuel über diese Zeit voller Unsicherheit. Doch trotz der deutlichen Einschränkungen war für ihn immer klar: Seine berufliche Tätigkeit wollte er nicht aufgeben.
Dass er dies auch nicht musste, ist dem grossen Engagement seines Vorgesetzten Daniel M. zu verdanken. Der Firmeninhaber bat das Case Management von Helvetia um Hilfe. Der Case Manager Raphael Jeker: «Manuel A. konnte die geforderte Leistung erbringen, aber langsamer. Der Wunsch war, eine Teilarbeitsfähigkeit zu vereinbaren, die Manuel erlaubte, seine Arbeit besser zu verteilen. Seitens Case Management waren wir sehr gerne bereit, dieses Szenario zu unterstützen, da es für alle Seiten einen Gewinn bringt.»
Endlich, nach acht langen Monaten, kam die erklärende Diagnose: Manuel leidet an einer neurologischen Erkrankung, einem Gendefekt, welcher umgangssprachlich das «Isaac Syndrom» genannt wird. Der fachliche Ausdruck lautet Neuromyotonie. Die Prävalenz liegt bei weniger als einem Fall pro einer Million Menschen und ist entsprechend wenig erforscht. Neben der Steifheit der Muskeln zeigt sich diese Krankheit auch durch unwillkürliche Muskelkrämpfe oder Muskelzuckungen. Manuel: «Insbesondere am Morgen benötige ich eine lange Aufwärmphase, bevor ich überhaupt in Bewegung kommen kann und die Muskeln arbeiten können.»
Manuel ist inzwischen weiterhin in einem 40%-Pensum im Betrieb von Daniel M. als Metallbauer tätig und bekommt zu 60 Prozent eine IV-Rente. Die Krankheit zwingt ihn zwar zu regelmässigen Pausen. Doch er hat mittlerweile gelernt, damit umzugehen und fühlt sich nicht mehr blockiert.
Der Fall von Manuel zeigt eindrücklich, dass selbst mit einer chronischen Krankheit oft noch wertvolle Beiträge von Betroffenen möglich sind – wenn man zusammen spricht und gemeinsam nach Lösungen sucht. «Im Case Management können wir keiner genauen Handlungsanleitung folgen. Wichtig sind eine transparente Kommunikation und die Flexibilität, Vorgehen und Pläne an sich ändernde Umstände anzupassen» beschreibt Raphael Jeker seine Arbeit. Und er meint anerkennend: «Gesundheitliche Einschränkungen können die Beteiligten stark verunsichern und zu einer Krise führen. Dass Manuel es so gut durch diese Zeit der Unsicherheit geschafft hat, verdankt er nicht zuletzt seinem Pragmatismus und seinem Humor.»
*Name von der Redaktion geändert
Raphael Jeker, Case Manager Unfall/Kranken, Projektleiter Helvetia Mental Health Coach